Rund um die Castro Street, zwischen dem
Mission District und
Twin Peaks liegt
das Zentrum des gay life. Wie in keiner anderen amerikanischen Stadt ist in San
Francisco die Schwulen- und Lesbenszene präsent und - mit einem geschätzten Anteil
von mindestens 10 bis 15 Prozent an der Gesamtbevölkerung - auch als politischer Faktor
nicht wegzudenken.
Warum gerade San Francisco zum Sammelpunkt schwulen Lebens wurde, mag nach Ansicht
einiger Historiker seinen Ursprung um 1849 in der Zeit des Goldrausches haben, als die
Stadt als Mekka für Abenteurer und Glücksritter wenig "law and order", aber
viele Freiheiten jenseits der bürgerlichen Moral bot - der entscheidende Zuzug
schwuler Männer erfolgte jedoch nach dem zweiten Weltkrieg. Nachdem San Francisco
Ausgangspunkt militärischer Operationen der US-Marine im Pazifik war, wurden nach
Ende des Krieges viele der Soldaten aufgrund ihrer Homosexualität unehrenhaft entlassen.
Mit dem unübersehbar in den Pass gestempelten "H" gebrandmarkt, waren Diffamierung und
Arbeitslosigkeit vorprogrammiert, so dass vielen die Entscheidung leicht fiel, in der
Stadt zu bleiben.
Im Zuge der Revolten der sechziger Jahre, gelang es auch der gay community, ihre
Belange stärker zu artikulieren und durchzusetzen: 1977 wurde mit Harvey Milk der erste
sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennende Politiker ins Stadtparlament
gewählt. Dass Milk und der liberale Bürgermeister George Moscone ein Jahr später von
dem Ex-Polizisten Dan White erschossen wurden, belegt drastisch, wie hart die Akzeptanz
schwuler Lebensweise erkämpft ist.
Als der Mörder der beiden dann zu einer geringen Strafe mit "Haftverbüßung zu
"Hause verurteilt wurde, brach ein Sturm der Entrüstung los.
In den Zeiten von AIDS, das in San Francisco besonders viele Opfer gekostet hat und
noch kostet, ist es die gay community, die einer breiten Öffentlichkeit gegenüber mit
Initiativen wie dem
Names Project auf die Opfer aufmerksam macht, und auf die
mangelnde finanzielle Unterstützung durch die Regierung im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit
hinweist.
Die niedrigen Grundstückspreisen Anfang der siebziger Jahre ließen viele gays beiderlei
Geschlechts von der auseinanderbrechenden Alternativszene der
Haight Ashbury
ins Castro übersiedeln, was schließlich dazu führte, dassCastro
District zu
der Hochburg schwulen Lebens wurde. Eine Renovierungstätigkeit der vielen
viktorianischen Häuser setzte ein, die auf dem derzeitigen Immobilienmarkt astronomische
Preise erzielen. Ironischerweise waren die Häuser, die heute mit Regenbogenflaggen
bestückt stolz auf den schwulen Charakter des Viertels verweisen, davor überwiegend
von irischen, also erzkatholischen Einwanderern bewohnt.
Neben vielen Bars, Cafés, Boutiquen und Buchläden kann die Castro Street noch
mit einem architektonischen Glanzpunkt aufwarten: dem verschwenderisch ornamentierten
Filmpalast aus den zwanziger Jahren, dem
Castro
Theatre.